Gregor & Taube                  Münsterschola

Hl. Gregor der Große.
Miniatur aus Cod. 156  (10. Jh.).
Stiftsbibliothek Einsiedeln

Die Choralpraxis am Freiburger Münster

Die Praxis des gregorianischen Gesangs am Freiburger Münster hat eine lange Tradition, die auf jene Zeit zurückgeht, als man gegen Ende des 12. Jahrhunderts begann, die bisherige Pfarrkirche durch einen anfangs im romanischen, dann im gotischen Stil gehaltenen Neubau, der über die üblichen Maße einer Pfarrkirche weit hinausging, zu ersetzen. Damals wurde der gregorianische Choral von den am Münster wirkenden Klerikern und den an der städtischen Lateinschule dafür eigens ausgebildeten Sängerknaben ausgeführt. Zum kirchenmusikalischen Repertoire gehörten die täglichen Gesänge der Messe, der Vesper und Komplet (mit Salve Regina), Prozessionen und Umgänge wie auch in späterer Zeit die Mitwirkung bei den Gottesdiensten der während der Reformationszeit in Freiburg lebenden Basler Domherren sowie bei den städtischen Fronleichnamsspielen.

Bestimmte liturgische Texte verlangten responsorialen Gesangsvortrag, einen Wechselgesang von Vorsänger und Chor, andere Liturgietexte wiederum wurden im  Wechsel von zwei Chören, also antiphonisch, vorgetragen. Belege hierfür findet man z.B. noch in dem weiter unten erwähnten Münster-Graduale aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Hier wird auch noch die Alternatimpraxis zwischen Chor und Orgel (im Ordinarium missae) bezeugt. Die seit etwa fünf Jahrhunderten im Münster vorhandenen drei Orgeln (eine im Hochchor, eine auf dem Lettner und eine im Langschiff machten das alternative Spiel auf mehreren Orgeln möglich. So heißt es etwa in Th. Mallingers Tagebüchern für das Jahr 1644: ”ist das Te Deum laudamus hora 9. solemniter und musicaliter in summo templo ... auf beyden Orgeln geschlagen und gesungen worden.” Vom Beginn des 17. Jahrhunderts bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts sangen die ”Chorales” d. h. die Sängerknaben des Münsters den gregorianischen Choral aus zwei Gradualien, welche Johannes Storer, ein Mitglied der Priestergemeinschaft am Freiburger Münster, im Jahr 1617 in Hufnagelnotation geschrieben hatte. Eines davon scheint eine Kopie eines Graduale des 15. Jahrhunderts zu sein (Clytus Gottwald).
 
Zwei weitere Handschriften stammen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Sowohl das Graduale wie das Responsoriale belegen die Choralpflege aus diesen Büchern bis unmittelbar an die Schwelle des 20. Jahrhunderts.

Nachdem im Jahr 1827 das Erzbistum Freiburg errichtet  wurde, gründete Domkapellmeister Leopold Lumpp 1838 die aus Vokalisten und Instrumentalisten zusammengesetzte ”Domkapelle”, welche später den Namen ”Domchor” erhielt. Bei den zu feiernden Pontifikalgottesdiensten und Kapitelsämtern wurden nun alle Sparten der Kirchenmusik, darunter auch der gregorianische Choral, gebührend gepflegt. Noch zu Beginn der Tätigkeit Franz Stemmers als Domkapellmeister 1934 sangen etwa 20 ”Chorbuben” – der sogenannte ”kleine Chor – die sonntäglich Choralmesse um 7 Uhr, wonach sie im sogenannten ”großen Chor um 10 Uhr in der mehrstimmigen Messe als Artisten fungierten. Dazu kamen nachmittags Vespergesänge und an manchen Festen  Abendandachten.

Nach der Auflösung des ”kleinen Chores zu Beginn der Nazizeit betreuten unter der Leitung von Franz Stemmer die Alumnen des Priesterseminars die gregorianischen Gesänge im Münster. Im Jahre 1976 rief  Domkapellmeister Raimund Hug eine eigene Choralschola am Freiburger Münster ins Leben, die zunächst von Georg Piepke, später von Michael Kapsner geleitet wurde. Seit 1994 ist Anton Stingl jun. Choralmagister. Aufgabe der Schola ist es, etwa zwölfmal im Jahr das Kapitelsamt mit gregorianischem Choral zu gestalten. Dazu kommen noch die Pontifikalvespern an den drei Hochfesten Weihnachten, Ostern und Pfingsten und die Trauermetten an den Kartagen. Seit März 2001 wird im Kapitelsamt auf Beschluss des Domkapitels nicht mehr das vollständige Proprium gesungen. Das Graduale und das Alleluja werden in der Regel durch einen deutschen Antwortpsalm und einen Halleluja-Ruf mit deutschem Vers ersetzt, “um die Gemeinde ausdrücklicher in die Liturgie miteinzubeziehen”.

1998 wurde zusammen mit dem damaligen Domorganisten Ludwig Doerr im Freiburger Münster eine CD mit ”Gregorianischen Gesängen & Orgelimprovisationen” aufgenommen. Die CD ist an der Pforte der Domsingschule, Münsterplatz 10 erhältlich.

2001 gab die Schola anlässlich ihres 25jährigen Bestehens zusammen mit Domorganist Klemens Schnorr zum ersten Mal ein Konzert mit gregorianischem Choral und Orgelmusik zum Fest Mariä Himmelfahrt,  das in seiner Vielfalt von Gesängen aus Messe und Stundengebet unter Einbeziehung von mittelalterlichen Tropen bei Domkapitel und Publikum großen Anklang fand.

2002 fand ein Konzert mit Gesängen aus der Jakobusliturgie aus Santiago de Compostella statt. Das anspruchsvolle Programm wurd am 22. September in der Klosterkirche Mariastein wiederholt. Leider musste in diesem Jahr die 25jährige Tradition aufgegeben werden, die Sommerpause des Domchors mit gregorianischem Choral im Kapitelsamt vollständig zu überbrücken. An drei Sonntagen werden jetzt Solisten und Instrumentalisten die Urlauber erfreuen.

Das Konzert im Jahre
2003 hatte das Thema “Ego sum pastor bonus” zum Inhalt. Es erklangen gregorianische Gesänge zum vierten Sonntag der Osterzeit und die Pastoralsonate von Josef Gabriel Rheinberger. Wiederum ging in diesem Jahr ein Stück gregorianische Tradition am Freiburger Münster verloren. Die lateinischen Vespern an den drei Hochfesten Weihnachten Ostern und Pfingsten werden in Zukunft mehrstimmig von den verschiedenen Formationen der Dommusik gestaltet.

In der
Fastenzeit 2004 hatte die gregorianische Meditation zum Hungertuch von 1612 großen Anklang gefunden. Das Tuch war nach erfolgreicher Restaurierung und endgültiger Lösung des Aufbewahrungsproblems im Jahre 2003 zum ersten Mal wieder aufgehängt worden.

Im
Dezember 2004 waren die Zuhörer von den neun Lesungen und Responsorien der Weihnachtsmatutin und den vier Meditationen aus Olivier Messiaens “La Nativité du Seigneur” so ergriffen, dass sie auf den üblichen Applaus verzichteten.

Eine unerwartet große Zuhörerschar hatte Ende
April 2005 das Konzert zum Thema “Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist” mit Gesängen zum Dreifaltigkeitsfest und Orgelstücken aus L’Orgue mystique von Charles Tournemire.

Im
Mai 2006 feierte die Münsterschola ihr 30jähriges Bestehen mit einem Konzert zum Thema “Variis linguis” - Gesänge des Pfingstfestes in altrömischer, ambrosianischer, beneventanischer und gregorianischer Fassung. bei denen auch die Choralschola Freiburg mitwirkte.

Seit Juni 2006 leitet Domkapellmeister Boris Böhmann die Münsterschola.

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HB 1
Introitus “Terribilis est”

HB 2
Graduale “Propter veritatem

HB 3
Kyrie
“Rex immense”

HB 4
Jesaja 9,3-5 Responsorium “Hodie nobis de caelo pax”

HB 5
Guillaume Nivers:
La Prose de la
Pentecoste
“Veni, Sancte
Spiritus”